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Rede Carola Bluhm

Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales Berlin
am 21.04.2010
Berliner Selbsthilfekongresses 2010

 

Autonomie und Selbstbestimmung
Selbsthilfe als Teil lokaler Engagementkultur

Sehr geehrte Damen und Herren,

herzlichen Dank für die Einladung zum Berliner Selbsthilfe Kongress.

Unsere Gesellschaft befindet sich in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess – das hat sehr viel mit Globalisierung und dem Zusammenwachsen der Welt im Zeitalter der computergestützten Informations- und Kommunikationstechnologien zu tun. Gleichzeitig verschärfen sich die Gegensätze und die Verteilung von Ressourcen – weltweit und auch innerhalb der deutschen Bevölkerung. Aber auch die Struktur der Bevölkerung verändert sich. Die Zahl der älteren Menschen wächst genauso wie die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund oder mit gesundheitlichen Einschränkungen. Das hat gravierende Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben hier in der Stadt – positive wie negative. Das stellt uns alle vor neue Herausforderungen – die Politik, staatliches Handeln genauso wie Sie als Vertreterinnen und Vertreter der Selbsthilfegruppen und –organisationen und viele andere auch.  Dabei haben wir unterschiedliche Funktionen und unterschiedliche Aufgaben, die ich auch sauber trennen möchte.

 

Die Idee der Selbsthilfe, die Idee, als kranker oder hilfebedürftiger Mensch oder Angehöriger die eigenen Interessen selbst in die Hand zu nehmen, sich mit anderen zusammenzuschließen, sich gegenseitig zu unterstützen, ist eine zutiefst emanzipatorische.

 

Historisch betrachtet ist die Selbsthilfebewegung auch ein Reflex auf obrigkeitsstaatliches Denken bis weit in die 60er Jahre hinein, das Patientinnen und Patienten zwar als Fürsorge-Objekte wahrgenommen hat, nicht aber als eigenständige Subjekte mit eigenen Bedürfnissen und Interessen, mit politischen Positionen, aber auch mit unterschiedlichen Ängsten und Unsicherheiten. Insofern ist die Entstehung der Selbsthilfebewegung nach 1968 im Westen auch Teil der Demokratisierung und Selbstaneignung von Teilen der westdeutschen Gesellschaft. Im Osten ist die Entwicklung anders verlaufen, aber der Gedanke der Selbsthilfe, der staatsfernen Selbstorganisation war auch dort immer präsent – nur anders – sozusagen subkutan. Nach der Wende 1989 sprossen Selbsthilfegruppen aber auch im Osten die Selbsthilfegruppen aus dem Boden, was ja schon zeigt, dass die Samen dafür längst vorhanden waren.

 

Heute ist die Selbsthilfe gerade im Bereich der gesundheitlichen Versorgung und der Pflege eine nicht mehr wegzudenkende Säule neben dem professionellen Hilfesystem und dem bürgerschaftlichen Engagement. Dieses unterscheidet sich von der Selbsthilfe vor allem dadurch, dass sich hier Menschen FÜR andere engagieren – auch das ist nicht wegzudenken, aber nicht das gleiche wie die Selbsthilfe. Die Selbstorganisation und -hilfe ist ein demokratischer Wert, ein hohes Gut in unserer Gesellschaft im Allgemeinen und in der Gesundheitsversorgung im Besonderen.

 

 

Aber: die Selbsthilfe ist kein Ersatz für das professionelle Hilfesystem und soll es auch nicht sein. Denn beide haben unterschiedliche Aufgaben. Hier muss ein echtes Subsidiaritätsprinzip gelten. Das bedeutet, dort, wo Selbsthilfe wirksam tätig sein kann, muss sie auch die Möglichkeit dazu haben. Dort wo professionelle Arbeit notwendig ist, ist staatliches Handeln oder staatlich beauftragtes Handeln gefragt. Subsidiarität heißt nicht, dass sich Staat aus der Verantwortung zurückzieht und immer mehr Aufgaben auf Selbsthilfe- und ehrenamtliche Strukturen verlagert. Subsidiarität bedeutet eine sinnvolle Arbeitsteilung. Und selbst im professionellen Bereich muss nicht alles, was notwendig ist, auch staatlich organisiert und durchgeführt werden. Aber der Staat muss finanzieren, was gesellschaftlich notwendig ist, unabhängig davon ob es sich um Selbsthilfe- oder professionelle, um staatliche oder nichtstaatliche Strukturen handelt. Und dafür gilt:  wir brauchen klare Vereinbarungen und Transparenz – diese Debatte führen wir gerade in Berlin.

 

Meine Damen und Herren,

ich habe es am Anfang gesagt, unsere Gesellschaft, auch unsere Stadtgesellschaft verändert sich schnell. Wenn immer mehr Menschen aus dem Erwerbsleben ausscheiden, hat das erhebliche Auswirkungen auf das gesellschaftliche Zusammenleben. Denn Erwerbsarbeit hat – ob man das möchte oder nicht – nicht nur die Aufgabe, die Existenz zu sichern. Sie hat auch eine hohe soziale Funktion – sie schafft soziale Zusammenhänge, Möglichkeiten des Austauschs und der Begegnung. Wer nicht mehr erwerbstätig ist, ist sozial auf andere Zusammenhänge und Netzwerke angewiesen. Je älter die Menschen werden, desto mehr dünnen auch die ursprünglichen sozialen Bezüge wie Familie und Freunde aus. Deshalb werden Nachbarschaftsinitiativen, Stadtteilzentren, Begegnungsstätten immer wichtiger – sie sind Teil einer lebendigen demokratischen Stadtgesellschaft, die der Selbstorganisation ihrer Bewohnerinnen und Bewohner  Raum eröffnet und Teilhabe für alle schafft, unabhängig von Alter und Gesundheitszustand. Die Selbsthilfe wird über die Stadtteilzentren erheblich unterstützt – das soll in Berlin so bleiben. Deshalb werden wir den Stadtteilzentren-Vertrag weiter führen. Und es entstehen ständig neue Initiativen und Begegnungsstätten. Etliche können wir auch über den öffentlich geförderten Beschäftigungssektor fördern. Damit stärken wir nicht nur die soziokulturelle Infrastruktur, wir schaffen Raum für Beteiligung und Partizipation und: wir schaffen neue Perspektiven für ehemals Langzeitarbeitslose.

 

Mit der zunehmenden Alterung wird die Gesellschaft auch kränker. Die Zahl hoch und sehr hoch betagter Menschen wächst an – auch dank des medizinisch-technischen Fortschritts –  das ist gut so. Deshalb müssen wir – wiederum in unseren unterschiedlichen Funktionen – alles tun, damit sie ihren Lebensabend auch genießen können. Niedrigschwellige Angebote, die Unterstützung von Angehörigen gerade von Demenzkranken gehören unbedingt dazu. Wir brauchen die Selbsthilfe dringend in der Beratungsarbeit auch und gerade im Pflegebereich, aber auch das darf und wird  auch nicht dazu führen, dass Staat sich aus der Verantwortung stiehlt. Wir werden für Berlin ein tragfähiges und auf größtmögliche Partipation setzendes Pflegesystem weiter vorantreiben.

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

auch die Selbsthilfe selbst steht vor erheblichen neuen Herausforderungen und neuen Fragen, für die sie Antworten finden muss. Ein wachsender Teil unserer Stadtbevölkerung hat einen kulturell anderen Hintergrund als Herkunftsdeutsche. Und damit verbunden oftmals auch einen ganz anderen Begriff von Altern, von Gesundheit und Krankheit. Wir wissen aus Untersuchungen, dass viele Menschen anderer Herkunft Schmerz anders empfinden als Herkunftsdeutsche und auch einen völlig anderen Umgang zum Beispiel mit Demenz pflegen. Es ist für demente Menschen, die in Deutschland geboren, aufgewachsen, kulturell hier verwurzelt sind, schon ungeheuer schwer, noch irgendwo Halt zu finden, sich zu orientieren – in der Sprache, im Verhalten, beim Singen, Lachen, all den Dingen, die demente Menschen noch machen können und möchten. Für Menschen, die kulturelle Entwurzelung erlebt haben, ist Demenz noch mal was ganz anderes – in ihren Köpfen laufen die unterschiedlichen Haltegriffe ganz anders durcheinander, viele sind selbst ihrer Sprache nicht mehr sicher, oftmals sogar beraubt. Das zeigt vielleicht am deutlichsten, dass wir unsere Gesellschaft in jeder Hinsicht interkulturell öffnen müssen – auch das System der selbstorganisierten Wohlfahrtspflege und Gesundheitsversorgung.

 

Das bedeutet auch: Kommunikation muss sich verändern. Wir kennen die üblichen, seit Jahrzehnten eingeübten Wege von politischer Kommunikation auch im alternativen - und im Projektebereich. Da werden Flyer und Flugblätter produziert, heutzutage auch eine Internet-Seite, wer es sich leisten kann, barrierefrei. Es gibt Veranstaltungen, auf die man wiederum auf flyern hinweist oder mal mit Zeitungsanzeigen. Man nutzt – wo möglich – Funk und Fernsehen. Aber viele Menschen mit Migrationshintergrund erreicht man so nicht. Sie brauchen das gesprochene Wort – die unmittelbare Kommunikation von Mensch zu Mensch, möchte man ihnen Wege in und mit der Stadtgesellschaft öffnen. Das sind unsere Erfahrungen mit den vielen Integrations- und Nachbarschaftslotsen, die die Menschen zu Ärzten oder Pflegeeinrichtungen, Krankenkassen oder Ämter begleiten und sie unterstützen.

 

Und gleichzeitig – und damit komme ich zu meinem letzten Punkt, der Sie heute auch beschäftigen wird –  gleichzeitig verändert sich auch die Kommunikation insgesamt. Das gilt insbesondere für die jüngere Generation, aber durchaus auch ie 40-50-jährigen. Und das ist die Kommunikation und Organisation über virtuelle Netzwerke wie facebook oder myspace, Schüler-VZ oder „wer kennt wen“.  Ohne dass man sich einmal gesehen oder gesprochen haben muss, lassen sich hier Aktionsgruppen, Kampagnen, aber auch konkrete Hilfe organisieren. Für viele Menschen ist die virtuelle Gemeinschaft DAS soziale Bezugsfeld, in dem sie Hilfe, Unterstützung oder auch Unterhaltung bekommen. Diese virtuelle Gemeinschaft ist immer da  – man muss nur den PC oder das internetfähige handy anschalten – irgendwer der eigenen virtuellen, manchmal auch realen „Freundinnen und Freunde“ ist immer online und antwortet, kommuniziert. Ganze Aktionen und Demonstrationen werden über facebook und andere Netzwerke organisiert. Eine Petition gilt kaum mehr was, wenn sie nicht von mindestens 50.000 Leuten unterzeichnet wurde – das ist ohne diese Netzwerke nicht denkbar. Wie lässt sich also die traditionelle Selbsthilfe mit der Selbstorganisation über die virtuellen sozialen Netzwerke verbinden?  Wie lassen sich die Impulse, die von diesen Netzwerken ausgehen, und die sind international und viele der Debatten laufen auch international, mit dem klassischen Selbsthilfegedanken verbinden? Wie bleiben die verschiedenen Generationen mit ihrem unterschiedlichen Kommunikationsverhalten untereinander andock- und kommunikationsfähig und wie gelingt es, die Kommunikation der Menschen mit ihren unterschiedlichen kulturellen Wurzeln und Erfahrungen zu organisieren? All das sind Fragen, die nicht nur Sie als Selbsthilfegruppen umtreiben. Das gilt für uns Politikerinnen und Politiker, für die politische Kommunikation ganz genauso. Insofern wünsche ich Ihnen spannende Debatten und bin sehr interessiert an Ihren Erkenntnissen und Ergebnissen…

 

 

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